Nordwind bläst und Südwind weht

Womöglich würde die sensible und theatralische Sichtweise Erich Kästners - von dem übrigens die Überschrift entliehen wurde - ein Nordbahnhofviertel beschreiben, welches im November an Tristesse kaum mehr zu überbieten wäre. Kästner hatte Anfang der 50er Jahre den Auftrag erhalten, jeden Monat ein Naturgedicht von einem Großsstädter für Großstädter zu schreiben. Aber wie soll man zwölf Monate Natur besingen, wenn das einzige Stück Natur der Blumentopf am Fenster ist und die Jahreszeiten vor allem im Wetterbericht stattfinden?

 Nun lassen sich Veränderungen am ehesten an Kontrasten ablesen. Diese sind im Viertel - und das wahrscheinlich wie in keinem anderen - in Fülle vorhanden. Leider wird noch heute die Existenz des Nordbahnhofs als attraktives und lebenswertes Wohngebiet in manchen Stadteilen gerne verschwiegen - wie die Existenz von grünem Leben auf dem Mars. Das Schöne daran aber ist, dass sich Facettenreichtum und Vielfalt gemeinhin bevorzugt im Abseits des Wahrnehmungsspektrums der Masse entwickelt.

 Freunde der Eidechsen an den Waggons dürften dies derzeit besonders genießen. Man darf hoffen, dass sich das so schnell nicht ändert und der "Wind of Change" einen Moment des Innehaltens erlaubt - die Ruhe vor stürmischen Zeiten des Umbruchs und ein letztes Sonnenbad um die Auskühlung grünfunkelnder Reptilienrücken so lange als möglich hinauszuzögern.

Einer der wohl größten Kontraste des Nordens könnte nicht augenfälliger sein. Die Heilbronner Strasse schneidet sich als Trennlinie scharf und unbarmherzig wie der Grand Canyon durch das Viertel. Als Grenze zwischen Kaufkraft und Arbeiterklasse teilt sie seit Generationen den Killesberg vom unteren Nordbahnhof. Und so schnell wird sich daran auch nichts ändern, denn Exklusivität bleibt nun mal Sklave seiner Betrachtungsweise. Aber hey! Stuttgart braucht auch Konstanten. Konstanten nämlich haben die Eigenschaft Orientierungshilfe zu sein und - so antiquiert und überholt sie auch sein mögen - sie geben ein Gefühl von Heimat. In einer Zeit, in der die bürgerliche Mitte zum Wutbürger mutiert und Statussymbole Religionen ersetzen, ist man für jede Konstante dankbar. Jede, die dem Nordwind trotzt, wenn er konstant Veränderung herbei bläst.

Die Architektur des Nordens verleiht dem Wind seinen unverkennbaren Klang. Mit seinen kopfsteingepflasterten Straßen, seinen betagten Innenhöfen mit den Wäschestangen, den Brachflächen und Backsteinfassaden ergibt sich sein vertrautes Geräusch. Die Eisenbahnerwohnungen stellen den denkmalgeschützten Fels in der Brandung neuen Bauens dar. Alte Zwanzigerjahre-Häuser schaffen den fast vergessenen Bezug zur Vergangenheit und kontrastieren visionäre Avantgardeprojekte unserer Zeit. Sie sorgen dafür, dass Stuttgart nicht vergisst, dass sie Stadt der Arbeiter ist. Wohnbauten der Weimarer Staatsarchitektur säumen die Verkehrsadern, für Menschen gebaut, deren Arbeits- und Schöpfungskraft noch heute als Aushängeschild fürs Ländle dienen. Work-life-Balance.

 Wer über den Nordbahnhof schreibt, der kommt kaum an tradierten Institutionen vorbei - und so auch nicht am Schrott-Karle. Neben Wagenhallen und Waggons ist er wohl das prägende Element im inneren Nordbahnhof. Während auf der Theo-Heuss die teuren Luxusschlitten mit allerlei Schönheitsidealen und Oberflächlichkeiten auf und ab proleten, wartet seine Presse ganz geduldig - mit Gewissheit und mit brachialer Gewalt am Ende auf alle Karossen der Schickeria. Und im Rauschen des Nordwinds gehen Glanz und Gloria mit profanem Quietschen unter.

Gerade dieser Kern ist das eigentliche Highlight des Viertels. Ja, der Karle ist eine dieser Konstanten, die für diese Stadt so wichtig sind. Jede Gewalt braucht eine Gegengewalt. Das sagten schon die Intellektuellen zu einer Zeit, in der es noch keine Trennung zwischen Geistes- und Wirtschaftswissenschaften gab. Und selten ist dies so anschaulich wie hier. Während einerseits die Vergänglichkeit als feste Bastion einer unabänderlichen Wahrheit auf Alles wartet, entwickelt sich in ihrem Schatten so allerei subkulturelles Gedankenpotpourrie, das - vielleicht irgendwann und vielleicht auch zu recht - die Welt ins Wanken bringen könnte. Getragen vom Nordwind.

Der Nordbahnhof hat schon immer seine ganz eigentümliche Seite gehabt und - nicht zu verleugnen - auch schreckliche Geschichte geschrieben. Am 1. Dezemeber 1941 wurden von hier aus die Ersten 1000 von Rund 2500 Menschen in den Tod geschickt. Alles was daran gemahnt, sind die Zeichen der Erinnerung, die alten Gleise und ein paar Gedenktafeln. Solche Orte sind wichtig für uns, sind wichtig, da die letzten Zeitzeugen langsam aussterben und die Uhren für den gesellschaftlichen Wahnsinn wieder auf Null gestellt werden können.

 Veränderungen, Kontraste, Gegengewichte, Zeichen der Erinnerung sind elementar für die glanzvollen Straßen und die aufstrebenden Schichten dieser Stadt. Wo wären wir, wenn Stuttgarts Gesicht so faltenfrei wäre, wie das der Modelle in Beauty- und Lifestyle-Illustrierten? In der kühlen Arbeiter- und Industrieromantik des Nordens fällt einem eine Blume, die durch den Asphalt an die Oberfläche drückt, doch weit mehr ins Auge, als diejenige, die in den teuer angelegten Beeten des Höhenparks im lauen Lüftchen wankt.

Im Windschatten des Nordwinds entsteht ein weiter und warmer Raum, aus dessen schmierigen Fenstern wir einen unverstellten Blick auf die Schattenseiten der schönen neuen Welt werfen können. An Kontrasten lassen sich Dinge am besten ablesen. Gegengewichte halten die Stadt am Leben. Zeichen der Erinnerung mahnen uns Verdrängtes nicht zu vergessen und Vergänglichkeit nicht zu verkennen. Die Konstanten sind der Grund, warum wir hier gerne sitzen, an unserem Fenster zum Kessel und uns den Nordwind in den Rücken blasen lassen. Wir atmen tief ein - und es riecht nach Veränderung. Tobi & Käthe