nicht-Orte

Auf unseren täglich Wegen definieren wir durch unsere Anwesenheit Räume, durchqueren und verlassen sie, treffen uns an Plätzen, gehen zusammen in Kaufhäuser und Clubs, wir verbannen Geburt und Tod in Krankenhäuser und Friedhöfe, wir arbeiten unablässig, werden älter, leben weniger und sind mit unseren Gedanken beim Gehen schon wieder auf dem nächsten Termin - Und dazwischen? Dazwischen passieren wir achtlos faszinierende Architekturkonstrukte sowie Raum- und Objektbeziehungen, die es durch die eigene Hektik nicht in unsere Wahrnehmung schaffen und so zu nicht-Orten werden.

Ein nicht-Ort ist das Antonym eines Ortes. Nur, was ist ein Ort überhaupt? Orte sind genau genommen nicht real, sondern sind Gefühle in unserer Erinnerung und befinden sich folglich nicht in der physischen Wahrnehmung. Wir erinnern uns an Orte unserer Kindheit, verbinden damit Sonnenstrahlen, Räume und Gerüche. Auf den Punkt gebracht fühlen wir mit Orten unsere Geschichte, welche einen festen Platz in dem einnimmt, was wir sind. 

Um schnell, konsequent und effektiv überall präsent zu sein, um zu wirtschaften und zu repräsentieren, schaffen wir eine riesige Anzahl an Transit- und Geschäftsräumen, welche immer größer und damit auch geschichts- und ortloser werden. Wir wohnen in Wohnheimen, machen Urlaub in Feriendörfern und Hotelanlagen, fahren mit Bahnen, fliegen in Flugzeugen durch die Welt und sind mit den Gedanken nie im Hier und Jetzt sondern schon längst am nächsten Ziel. Wir glauben, dass wir durch ständiges Tempo einen Vorteil erlangen, besser als die Anderen sind, wobei der Wettbewerb schon längst das Leben dominiert.

Während wir hetzen, blenden wir scheinbar unwichtige Dinge einfach aus, eine normale Reaktion unseres Gehirns. Auf Transitwegen, zwischen all den Nutzräumen, die vielleicht, vielleicht aber auch nicht, Orte sind, die in unseren Gedanken und verbunden mit Gefühlen, einmal entstehen werden, können wir entscheiden, was zu einem erlebten Ort und somit zu einem Teil von uns wird. Nicht-Orte befinden sich im Schatten unserer Wahrnehmung, sie strahlen den seltsamen Charme des Anderen oder der Vergessenheit aus, sind teilwiese surreal, ja sogar manchmal beängstigend und doch sind sie ein realer Spiegel unserer modernen Gesellschaft.

Wenn wir einmal langsam gehen, oder gar stehen bleiben, uns umschauen, dann sehen wir sie. Sie tauchen auf wie Schatten, kratzen am makellosen und inszenierten Bild öffentlicher Plätze, wie es die Planer in ihren Wettbewerben oft und im falschen menschlichen Maßstab gestalten. Sie kratzen an den sauberen Fassaden der Gebäude und am mühsam generierten Werbeimage einer Stadt. Sie sind die Ecken und Kanten, mit denen man einen Charakter beschreibt, die kleinen Hautunreinheiten und die Lachfalten an denen sich das Leben zeichnet. Sie sind wichtig, wichtig für unsere Gesellschaft und unsere Selbswahrnehmung. Räumen wir uns Zeit ein sie zu sehen, gewinnen wir Abstand zum Transit, zum hetzen des Industrie- und Wettbewerbszeitalters, gewinnen wir Horizont und Wahrnehmungsfacetten, oder anders Ausgedrückt: Lebenszeit. Und nebenbei, nebenbei entdecken wir dadurch auch die Schönheit der Details, wie sie uns das Leben bietet.

Tobi